Durch einen Zufall traf ich im Krebs-Kompass-Chat meinen alten Geschichtslehrer aus Lüdenscheid, bei dem ich vor ca. 30 Jahren Unterricht hatte. 

Als er hörte, dass Robin so schwer erkrankt ist, machte er sich die Mühe und schrieb ihm einige Geschichten aus der Geschichte.

Er hat ihm damit eine große Freude gemacht, denn durch seine Erkrankung war Robin sehr isoliert und durch seine Bewegungsunfähigkeit  ans Bett gefesselt.  Zudem konnte er fast ein Jahr nicht mehr sprechen...........

Geschichten aus der Geschichte

Hallo Robin ! 

Eins habe ich schon über Dich rausgekriegt – Du magst gerne Geschichten hören. Wie ich das herausgekriegt habe? Nein, nicht großes Geheimnis! Das steht doch überall im Internet. Ja, ganz bestimmt. Kein blöder Witz. Überall steht das: Robin mag Geschichten. 

Und weil Du Geschichten magst, denke ich, Du magst Du auch Geschichte, eines meiner Fächer in der Schule. Aber das habe ich Dir ja schon erzählt. Was Geschichten mit Geschichte zu tun haben, möchtest Du wissen? Ganz einfach: Geschichte ist wahr, weil sie echt passiert ist.

Geschichten sind zwar schön oder spannend oder langweilig – aber wahr sind sie alle nicht. (Schade eigentlich, oder? Schade bei manchen Geschichten, meine ich.) Wollen wir zusammen etwas Geschichte machen? 

Eine ganz besondere Geschichte - also eine wahre Geschichtsgeschichte - ist die von der Entdeckung Amerikas. Ach so, die kennst Du schon!? Klar, die kennt eigentlich jeder. Kolumbus und so weiter – oder vor Kolumbus die Wikinger mit Erik dem Roten. Die waren schon mal in Amerika gewesen. Aber das hatte man zur Zeit des Kolumbus längst wieder vergessen. Denk dran, wenn Du mal was entdeckst, mußt Du dafür sorgen, daß es nicht vergessen wird. Sonst ist das so, als hättest Du nichts entdeckt. Saublöd wär das dann.

Und Kolumbus wollte ja gar nicht nach Amerika. Diese ganze Entdeckung war eigentlich ein großes Mißverständnis, ein Riesenfehler. Denn eigentlich wollte Kolumbus nach Indien. Warum? Was wollte der gute Mann in Indien? Und dann noch indem er in die falsche Richtung fuhr. Indien liegt von hier aus gesehen doch im Osten, Kolumbus aber wollte nach Westen segeln und trotzdem in Indien ankommen. Das konnte nur funktionieren, wenn die Erde wirklich eine Kugel war, was man damals so genau noch gar nicht wußte. Ach ja, was er in Indien wollte? Ich denke, es ging vor allem ums Geld. Doch lassen wir eine genaue Antwort mal weg. Aber um Geld geht’s ja meistens, oder?

Viel von der Erde wußte man damals noch nicht, und so war auch die Karte ziemlich ungenau, die Kolumbus mit auf die Seereise nahm. Auf dieser Karte stimmte wirklich nicht viel: Amerika war natürlich nicht eingezeichnet, und die Entfernung nach Indien stimmte hinten und vorne nicht. Viel Ahnung hatte Kolumbus also nicht von dem, was er da tat, als er mit seinen drei kleinen Schiffen von Europa aus nach Westen segelte. Und segelte, und segelte, denn – Du erinnerst Dich – die Seekarte war reichlich falsch!

Irgendwann kam er dann an in Indien, dachte Kolumbus. Und so nannte er die Inseln, auf denen er landete, Westindische Inseln, weil er sie ja im Westen gefunden hatte. Und die Menschen dort nannte er Indianer, was ja so ähnlich klingt wie Inder. Ob die entdeckt werden wollten? Keiner hat sie danach gefragt. Und nun sind wir bei dem kleinen Comic, den ich Dir heute geschickt habe.  

Der ist nur auf den ersten Blick ganz lustig. In Wirklichkeit kommt da dieser eingebildete Kolumbus und denkt, er wär wer weiß was Besonderes. Bloß weil er irgendwas entdeckt hat, was er gar nicht entdecken wollte. Und dann steckt er eine Fahne in den Boden, was ja bedeutet: Das ganze Land ist jetzt meins. Also eigentlich nennt man das Diebstahl, Klauen  -  oder?  

Wenn Du mich fragst: Die Menschen dort in Amerika, die wollten nicht entdeckt werden. Und gut gegangen ist es ihnen danach auch nicht. Im Gegenteil, es ist ihnen sehr, sehr schlecht gegangen. 

Manchmal stelle ich mir die Sache umgekehrt herum vor: Was wäre passiert, wenn die Indianer, also die Amerikaner, ich meine die Menschen damals aus Amerika, wenn die Europa entdeckt hätten. Und gekommen wären mit Soldaten und Kanonen. Ja, was wäre dann wohl mit Europa, also mit uns passiert? Du hast Recht! Das ist eine blöde Frage, denn es ist ja nicht passiert. Und Geschichte ist eben das, was wirklich passiert ist. Vorstellen tue ich es mir trotzdem manchmal. Ich wüßte zu gerne, was Du von der Sache hältst.  

Dein

Joachim Morlinghaus

 

Hallo Robin!

 

Zu blöd, daß ich vergessen habe, ob ich Dir dieses Bild schon geschickt habe. Es ist ein Bild, das mir selber unheimlich gut gefällt.

Einmal natürlich, weil es wirklich komisch ist, wie sich der Zeichner das Leben in der Steinzeit vorgestellt hat. So lustig und komisch war es damals bestimmt nicht. 

Und außerdem gefällt mir das Bild, weil man immer wieder etwas Neues entdeckt. Zuerst sieht man ein großes Durcheinander mit viel Action, aber wenn Du Dir mehr Zeit nimmst, siehst Du eine ganze Menge einzelner lustiger Bilder, die einem beim ersten Ansehen des Bildes nicht aufgefallen sind: 

– die wütende Frau oben links in der Ecke ist bestimmt so sauer, weil ihr Mann kein großer   Jäger ist, sondern vor dem rasenden Mammut, oder was für ein Tier das sein soll, wie ein Feigling davonläuft

 – oder die beiden Kinder am unteren Rand des Bildes, die sich wie kleine Hunde gegenüber  

  stehen oder knien und aussehen, als wollten sie gleich anfangen zu bellen

Aber warum beschreibe ich Dir das eigentlich? Diese kleinen Bilder kannst Du ja auch selber

entdecken.  

Ja, war die Steinzeit wirklich so? Natürlich nicht! Aber das Bild ist nicht nur komisch, denn einiges hat es ja wirklich gegeben: die Höhlen, in denen die Menschen gelebt haben, die Zeichnungen von Tieren und Jägern an den Wänden der Höhlen, ja und die Werkzeuge und Waffen natürlich. 

Die Tiere meinst Du? – Also mit Tieren kenne ich mich nicht so aus. Das lila Tier hier ganz vorne? – Na, ich weiß nicht, ob es mal lila Tiere gegeben hat. Die Farbe ist nicht sehr gut, wenn sich ein Tier verstecken will vor den Jägern.  

Aber den Mann in der Höhle vorne rechts, den hat es bestimmt gegeben, denn irgendjemand

mußte ja die Werkzeuge und Waffen machen – und ich denke das war eben der, der es am besten konnte. Das war dann der erste Handwerker. 

Ob drei Leute ein ganzes Mammut tragen können? – Die müßten dann schon wie Arnold Schwarzenegger sein, alle drei. Aber zusammenarbeiten, das war unheimlich wichtig, denn so ein riesiges Tier konnte niemand alleine jagen. Du siehst, was passiert, wenn es einer versucht: Dann jagt das Mammut den Jäger – und seine Frau ist sauer. 

Ich hoffe, Dir gefällt das Comic der Steinzeit und Du findest möglichst alle einzelnen kleinen Bilder, die darin sind. 

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus  

 

Hallo Robin ! 

Hast Du Lust, noch ein bißchen aus der Geschichte zu hören? Deine Mama meint, ganz langweilig wär das eigentlich nicht. Aber das habe ich Dir ja gleich gesagt. 

Woran denkst Du, wenn Du Dir eine Stadt vorstellst? – An viele Leute, Häuser, so viele Autos, daß man kaum noch vorwärts kommt. Und Geschäfte natürlich.  

Denkst Du auch an Esel, Schweine, unheimlich viel Dreck?  

So ungefähr muß man sich eine Stadt vor ein paar Hundert Jahren vorstellen. Sie war längst nicht so groß wie viele Städte heute. Zu einer richtigen Stadt gehörte eine Stadtmauer zum Schutz. Das war an sich nicht schlecht, aber innerhalb der Mauer, in der Stadt also, drängten sich die Häuser an engen Gassen. Gepflastert waren diese kleinen Straße nur selten und Asphalt – nun, den kannte man noch nicht. 

Du kannst Dir sicher vorstellen, was bei starkem Regen passierte. Matsch, überall Matsch. Und weil es keine Toiletten in den Häusern gab, schüttete man diese Sauerei oft einfach aus den Fenstern.  Das hat nicht nur im Sommer furchtbar gestunken. Krank wurde man von der Schweinerei – ohne zu wissen warum.

Ja, und echte Schweine, Hühner, Gänse die waren in den Stadtstraßen ganz normal. Sonst trieb man sie auf die Weiden oder in die Wälder vor der Stadt.  

Die eng aneinander gebauten Häuser waren meistens aus Holz oder Fachwerk, so wie alte Bauernhäuser, die Dächer mit Stroh oder kleinen Holzplatten gedeckt. Genau – das war unheimlich gefährlich, wenn irgendwo mal ein Feuer ausbrach. Im Jahre 1723 hat es nicht einmal 1 Stunde gedauert, da war Lüdenscheid, wo ich wohne und das Du ja kennst, da war die damals noch kleine Stadt völlig abgebrannt. Und das war der 5. große Stadtbrand – und Gott sei Dank der letzte.  

Du meinst, das hätte an der Feuerwehr gelegen? – Welche Feuerwehr? Ja, es gab so was ähnliches. Das heißt die Einwohner waren die Feuerwehr. Aber wie willst Du eine Stadt mit Wasser aus Ledereimern löschen?  

Es gab viele arme Leute – stimmt, die gibt es heute auch – und die mußten sich Geld erbetteln, wie du auf dem Bild sehen kannst.  

Rechnen wir alles zusammen, dann kommen wir auf eine Menge Probleme damals, und wir meckern heute schon, wenn wir mal etwas länger an einer roten Ampel warten müssen. Blöd eigentlich, oder?  

Hallo Robin ! 

Hast Du Lust, noch einen Ausflug in die Stadt zu machen? – Halt, nein, nun saus doch nicht gleich los! Den Ausflug, den ich Dir vorschlage, den kannst Du nur von zu Hause aus machen. Es ist nämlich so eine Art Zeitreise. Und es geht noch einmal in eine mittelalterliche Stadt.  

Mittelalter, das weißt Du vielleicht nicht, Mittelalter nennt man die Zeit vor 1000 bis 500 Jahren. Also schon ziemlich lange her. Aber nicht so lange wie z.B. die Ägypter oder die Griechen und Römer. Nicht ganz alt – eben nur mittelalt. 

Heute sehen wir uns mal ein wenig auf dem Markt um, denn der gehört zu einer Stadt wie die Stadtmauer, von der wir ja schon gesprochen hatten. Mauer und Markt – die machten aus einem Ort eine Stadt. Der Turm da hinten links, das könnte der Turm eines Stadttores sein. Siehst Du, da fahren die Händler mit ihren Wagen in die Stadt hinein. 

Ist ziemlich was los, um die Marktsäule herum, die aus dem Platz etwas Besonderes macht. Genaue Vorschriften für die Händler gibt es für die Qualität der Waren, die Preise – alles ist genau geregelt. Und die Händler stehen unter dem Schutz der Stadt.  

Damit niemand übers Ohr gehauen, betrogen wird, ist die Waage wichtig. Da, rechts von der Marksäule.  

Was alles so angeboten wird, das kannst Du Dir gut alleine ansehen. Aber laß Dir nicht irgendwas verkaufen, das Du nicht auch gebrauchen kannst.  

Guck mal! Da läuft ein kleines Schwein über den Markt. Vielleicht sollte es verkauft werden und ist abgehauen. Oder es gehört jemandem in der Stadt, denn – Du erinnerst Dich – Tiere sind in der Stadt damals ganz normal.

Ich glaube, die Menschen haben schon echte Verkehrsprobleme. Parkplätze? Viel halten sie anscheinend nicht von Ordnung mit ihren großen Pferdewagen. Aber es ist ja auch alles ziemlich eng.  

Du meinst, die Häuser wären anders als die bei unserem ersten Rundgang. Stimmt! Gut beobachtet! Das Haus in der Mitte könnte das vielleicht das Rathaus sein? Das ist viel vornehmer als die normalen Häuser, denn die Stadt will natürlich zeigen, daß sie nicht arm ist. Und das wollen auch die Handwerker und Kaufleute. Und ich denke, denen gehören die anderen Häuser hier rund um den Markt. 

Zeigen, daß sie reich sind, das tun auch die beiden Marktbesucher vorne im Bild. Uns kommen die Klamotten von damals komisch vor, aber was würden die Menschen von früher wohl von unserem Outfit halten? Sie würden sich wahrscheinlich kaputtlachen. Oder den Kopf schütteln.

Warum sich die Dame so gar nicht für den roten Stoff interessiert? Sonst sind die Weiber doch immer ganz geil darauf, wieder was Neues zum Anziehen zu kriegen! Oder? Vielleicht tut die auch nur so uninteressiert; das weiß man bei Weibern ja nie.  

Was, Du hast Hunger gekriegt? Wir sollten irgendwo was essen. Mal sehen, ob ich da was für uns finde. Sagen wir beim nächsten Mal? OK?

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

Hallo Robin !

Was hältst Du davon, wenn wir heute mal was erfinden? Was? Nun, fürs erste Mal sollte es nichts zu Schwieriges sein. Wir sollten etwas Altmodisches erfinden. Neues wird sowie dauernd erfunden. Das kann jeder! Wir erfinden einfach etwas, das schon mal erfunden worden ist. Wir erfinden einfach – die Dampfmaschine.   

Der, den alle für den Erfinder dieser Maschine halten, nämlich dieser James Watt, der hat es

genauso gemacht. Alle sagen, er ist der Erfinder. Stimmt aber gar nicht. Auch wenn sie „James Watt“ in diesen Quizshows als richtige Antwort gelten lassen.

 Wir brauchen: einen Topf mit Deckel, einen Herd und Wasser. Das füllen wir in den Topf, Deckel drauf, auf den Herd mit dem Wasserbehälter, Herd einschalten, warten. Worauf wir warten? Nun wir warten darauf, daß das blöde Wasser im Topf endlich kocht. 

Da! Der Deckel wackelt! Er wackelt stärker, noch stärker. Der Deckel hebt sich, fällt wieder ein wenig herunter, hebt sich erneut. Und wer oder was bringt den Deckel in Bewegung? Richtig: der Dampf, in den sich das kochende Wasser verwandelt.   

Dampf hat also Kraft, und die kann man nutzen. Man muß nur eine Maschine drumherum bauen mit einem Wasserbehälter, einem kleinen Ofen, ein paar Zahnrädern, Stangen, einem

großen Rad. Denn drehen muß sich die Maschine. Mit der hopsenden Bewegung, die wir bei unserem Topf beobachtet haben, mit dem Rauf und Runter kann man nichts anfangen.

Fast hätten wir das Wichtigste vergessen: den Deckel, der sich ja als erster bewegt. Den bauen wir in etwas anderer Form in den Wasserbehälter ein und nennen ihn Kolben. Das sieht ein bißchen aus, wie bei einer großen Spritze, wie Ärzte sie benutzen. Da ist auch ein Kolben drin, den man hin und her bewegen kann. Das macht bei unserer Erfindung der Wasserdampf, wenn wir den Ofen unter dem Behälter kräftig anheizen.  

So. Fertig! Sag bloß, Erfinden ist schwierig?

Und was machen wir jetzt mit der Maschine? Wir könnten sie in eine Kutsche einbauen und sehen, ob die fährt. Klar, natürlich fährt sie. Wahrscheinlich aber nur bis zum nächsten Baum oder zur nächsten Mauer. Dann knallt es furchtbar. Die Dampfmaschine wird wahrscheinlich explodieren und das ganze Fahrzeug fliegt in Einzelteilen in die Luft. Hey Robin, was hast Du denn da erfunden?!! Eine Höllenmaschine ist das ja geworden!

Als Antrieb für so eine Art Auto ist eine Dampfmaschine nicht geeignet, denn um richtig Kraft zu entwickeln, muß eine Dampfmaschine schon ziemlich groß sein. Und dann wird ein Wagen mit Dampfmaschine einfach zu schwer. Ist kaum zu lenken oder zu bremsen. Rumms! Totalschaden!

Aber wenn wir nun ein Fahrzeug auf Schienen stellen statt nur so auf die Straße. Na, was haben wir dann? Eine Lokomotive, genau! Du wirst sehen, das funktioniert. Oder wir bauen unsere Erfindung in ein Schiff ein, rechts und links eine Art Mühlrad oder später hinten dran eine Antriebsschraube. Schiffe, die keine Segelschiffe sind, die nennt man heute noch Dampfer, obwohl längst moderne Dieselmotoren die Dampfmaschine auch auf Schiffen ersetzt haben. Der Name „Dampfer“, der hat sich bis heute gehalten. 

Damals vor 300 Jahren, da war die Dampfmaschine eine ganz tolle Sache. Endlich hatte man eine Kraft, mit der man fast alles antreiben konnte: Wagen, Schiffe, Maschinen. Nun war man nicht mehr auf Wind- oder Wasserkraft angewiesen oder mußte z.B. eine Mühle mit der Hand selber drehen. Oder irgendwelche Tiere damit quälen.

Äh, äh! Du hast mich nicht beim falschen Thema erwischt. Stimmt, ich wollte Dir etwas über moderne Landwirtschaft erzählen und warum es bei uns keine Hungersnöte mehr gibt wie im Mittelalter. Ja, davon rede ich doch die ganze Zeit! Aber erst mußten wir mal was richtig Modernes erfinden.  

Man konnte große Pflüge bauen, um den Boden besser und tiefer aufzubrechen. Mähdrescher kamen hinzu. Auf einem Acker kann man auch schwerfällige Maschinen einsetzen, ohne gleich gegen irgendeine Mauer zu düsen.  

Und eine große Erfindung zieht oft andere Erfindungen nach sich. So war das auch damals. Die Dampfmaschine steht sozusagen am Beginn der modernen Zeit. Uns kommt sie inzwischen altmodisch vor und genutzt wird sie kaum noch. Oder? 

Hier in Lüdenscheid gibt es die Firma Wilesco. Die baut ganz kleine Dampfmaschinen, Spielzeugdampfmaschinen. Und ob Du es glaubst oder nicht, die Firma Wilesco verkauft diese kleinen Dampfmaschinen in der ganzen Welt. Vor einiger Zeit ging eine große Lieferung nach Saudi-Arabien. Was die Araber damit wollen? Die Spielzeugmaschinen wurden an Schulen dort verteilt, damit die Kinder das erklärt kriegen können, was wir beide heute erfunden haben. Die Dampfmaschine eben – eine ganz tolle Sache!  

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

Hallo Robin ! 

Irgendwie habe ich ein komisches Gefühl. Bist Du vielleicht bei der Sache mit der Dampfmaschine nur deshalb so ruhig geblieben und aufmerksam, weil gerade keine andere Geschichte zum Vorlesen da war? Ein Junge von heute wie Du muß doch so eine Maschine furchtbar altmodisch finden. Und ich – ich erzähle Dir da was von einer tollen Erfindung und dem Anfang einer neuen Zeit. Aber es war nett, daß Du so aufmerksam zugehört hast, und ich muß mich echt mal anstrengen, etwas richtig Neues zu finden, nicht immer so olle Sachen von irgendwann.

 Es soll was echt Modernes sein. Also! Mal überlegen! – Magst Du – Weltraumgeschichten, Raumfahrt und so? Nein, nicht diese Weltraummärchen mit Aliens, Laserkanonen, Monstern und dem ganzen Zeug. Echte, wahre Geschichten meine ich. Dann könnte Dich interessieren, was mit dem Raumflug Apollo 13 passiert ist. Und die Geschichte ist so spannend, daß sogar ein Spielfilm darüber gedreht wurde. Mit Tom Hanks, Du kennst doch Tom Hanks? – der spielt in dem Film den Kommandanten von Apollo 13, Jim Lovell. 

Apollo nannten die Amerikaner ihr Raumfahrtprogramm zur Landung von Menschen auf dem Mond. Nein, das ist zu ungenau! Es muß heißen: Landung auf dem Mond und Rückkehr zur Erde. Oh ja, das ist ein ziemlich großer Unterschied. Nur hinfliegen und auf dem Mond landen, das soll angeblich so schwierig nicht sein, aber es hätte bedeutet, die Raumfahrer hätten auf dem Mond bleiben müssen, und da hält es keiner lange aus.  

Apollo – so nannte man auch die einzelnen Mondflüge. Es war ein verflixt schwieriges Unternehmen, das über viele, viele Jahre vorbereitet wurde. Außerdem wollten auch die Russen auf den Mond, und es gab so eine Art Wettlauf mit den Amerikanern, bei dem mal die einen und dann wieder die anderen in Führung waren.  

An dieser Stelle legen wir mal eine kurze Pause ein und sehen uns das Raumfahrzeug etwas genauer an. Da war zunächst die riesige, ungefähr 90 m hohe Rakete, eine Saturn V. Höher als die meisten Kirchtüme, damit Du Dir die Höhe vorstellen kannst. An der Spitze trug die Rakete das eigentliche Mondraumschiff aus drei Teilen: dem Mondlandefahrzeug, das man auch Mondfähre nannte, dem Kommandoteil – so ähnlich wie das Cockpit eines Flugzeuges mit irre vielen Instrumenten – und dem größten, dem Versorgungsteil mit Sauerstofftanks und was man eben für so einen Flug braucht. Ende der Pause. 

Um es kurz zu machen: Die Amerikaner haben den Wettlauf zum Mond gewonnen, als der „Adler“, so hieß die Mondfähre von Apollo 11, dort am 20. Juli 1969 landete. Millionen von Menschen saßen an ihren Fernsehern und sahen zu. Ich auch. Irgendwann gegen 4.00 Uhr in der Nacht sah ich einen weißen Schatten auf dem Mond herumhopsen und fand es ganz toll. Und die anderen Leute fanden das auch.  

Die Astronauten kamen gesund auf die Erde zurück, und auch das fanden alle ganz toll. Aber schon beim 3. Mondflug war das Interesse der Menschen deutlich kleiner. Mondflug? Gibt’s nichts Neues? Apollo 13 wollten nicht mehr sehr viele Leute sehen. Immer diese Mondflüge – die kannte man doch. Schon beim 3. Flug wurde es den Menschen langweilig, die immer neue Sensationen brauchen, um sich aufzuregen. 

Die Aufregung kam, und sie kam reichlich. Das Kontrollzentrum der amerikanischen Weltraumbehörde, der NASA, war in Houston, Texas. Von da erhielten die Astronauten ihre Befehle, von Houston aus wurden die Mondflüge überwacht. Am 13. April 1970 meldete sich Kommandant Jim Lovell von Apollo 13 aus 320.000 km Entfernung über Funk im Kontrollzentrum: „Houston, wir haben ein Problem!“ Die Techniker und Ingenieure dort waren auch schon ein wenig gelangweilt, denn alles lief ja genau nach Plan. „Mondflüge? Die machen wir doch mit links,“ so dachte man wohl. 

In Houston war es kurz nach 9.00 Uhr abends. Mit einem Schlag waren alle hellwach! Ein Problem? Was für ein Problem sollte es denn geben mit Apollo 13? Es war doch bis dahin alles ganz glatt gegangen, ein Routineflug sozusagen. Aber dann stellte sich heraus, daß in dem größten Teil von Apollo 13, im Versorgungsteil, ein Sauerstofftank explodiert war. Das Raumfahrzeug war schwer beschädigt, wie schwer, das konnten die Astronauten nicht  genau feststellen. Aussteigen, reparieren? Ging damals noch nicht. 

Was konnte man tun? 

Umkehren? Hört sich gut an, geht aber nicht. Das hat etwas mit Physik zu tun. Erd- und Mondanziehungskraft und so. In Physik war ich in der Schule nicht besonders gut, und mehr weiß ich auch nicht darüber, warum man bei einem Raumfahrzeug nicht einfach auf die Bremse treten und dann umdrehen kann Richtung Erde. Weißt Du was darüber? 

Was konnte man machen? – Eines wurde schnell klar: Eine Landung auf dem Mond war mit der kaputten Apollo 13 nicht möglich. Das größte Problem waren die Sauerstoff-, Strom- und Wasserversorgung, denn den explodierten Tank gab es ja nun nicht mehr. Und ein zweiter Tank war beschädigt. Aus einem Loch strömte Sauerstoff aus. Aber ohne Sauerstoff kann man im Weltraum nicht überleben.  

Im Kontrollzentrum hatte man gerade mal 2 Stunden Zeit, um einen Plan für die  Rettung der Astronauten von Apollo 13 zu machen. Das Raumschiff näherte sich mit irrer Geschwindigkeit dem Mond. Dies hat man sich im Kontrollzentrum ausgedacht: 

Zuerst kletterten die 3 Astronauten in die Mondlandefähre. Eine ziemlich enge Sache war das, denn diese Mondfähre hatte eigentlich nur Platz für 2 Astronauten. Mußte man eben etwas zusammenrücken. 

So gut es ging wurden Sauerstoff und Strom gespart. Und mitten in dem mit Computern und anderer moderner Technik vollgepackten Raumfahrzeug fingen die Astronauten an, aus Pappe und Klebeband Atemfilter zu basteln, falls die Luft noch schlechter werden sollte. 

Zuerst ging der Flug weiter in Richtung Mond, dann eine große Kurve um den Mond herum. Das war auch bei den anderen Mondflügen ein spannender Moment, denn der Funkkontakt zwischen dem Kontrollzentrum in Houston und dem Raumfahrzeug brach ab. Von hinter dem Mond kann man nicht zur Erde funken. Für ein paar Minuten wußte niemand, ob alles in Ordnung oder das Raumfahrzeug vielleicht auf den Mond gekracht war. 

Apollo 13 kam hinter dem Mond hervor und – Rücksturz zur Erde. (Das habe ich mal in einem Science-fiction-Film gehört. Raumschiff Enterprise, glaube ich oder Startrek, ich weiß nicht mehr. Vielleicht kennst Du Dich da besser aus.) Rücksturz zur Erde, das hört sich an, als ginge vom Mond an alles nur noch glatt bergab, was natürlich nicht stimmt. Oben und unten – diese Richtungen gibt es im Weltraum ja gar nicht.  

Die Astronauten von Apollo 13 mußten ihr Raumfahrzeug nun von Hand Richtung Erde steuern, und dabei aufpassen, daß sie nicht auf die Atmosphäre knallten, die die Erde umgibt. Also: die Bremsraketen auf die Sekunde genau – oder noch genauer – zur Zündung bringen. Und kurz vor der Landung mußten sie die kaputte Kommandokapsel und das Versorgungsteil loswerden, denn damit konnte ein Apolloraumschiff nicht landen. Als die Kapsel von dem anderen Raumschiffteil abgesprengt war, sahen die Astronauten zum ersten Mal, wie stark die Explosion das Versorgungsteil beschädigt hatte: fast eine ganze Seite war weg, ein Riesenloch. 

Gelandet wurden alle Apollo-Raumfahrzeuge im Pazifischen Ozean, und Apollo 13 traf die Landestelle so genau, daß sie fast auf eines der Schiffe aufgeschlagen wäre, das dort war, um bei der Landung der Astronauten zu helfen. Es ging gerade noch einmal gut.  

Du meinst, der Flug sei doch eine große Pleite gewesen? – Na ja, auf den Mond sind sie nicht gekommen die Astronauten von Apollo 13, aber sie haben bewiesen, daß man ein Apollo-Raumfahrzeug fast völlig ohne Automatik fliegen konnte. Das Menschen das konnten und eben doch cleverer sind als all die vorprogrammierten Computer. 

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

Hallo Robin ! 

Ganz bestimmt kennst Du das Guinness-Buch der Rekorde. Ein verrücktes Buch. Nein, nicht das Buch ist verrückt – ich finde, verrückt sind die, die mit ihren Rekorden in dieses Buch hinein gekommen sind oder unbedingt hinein wollen. Was die alles anstellen! Aber wenn Du ein wenig nachdenkst: Die meisten irren Sachen sind ja schon gemacht worden. Nur mit einem Klavier auf dem Rücken auf den Mount Everest klettern oder im Handstand um die Welt laufen – ich glaube, das hat noch niemand versucht.  

Aber auf Skiern zum Südpol zum Beispiel oder mit einem U-Boot unter dem Eis am Nordpol hindurch. Oder mit einem Ruderboot über den Atlantik. Ja, bestimmt! Das hat alles schon mal jemand gemacht. Und das Guinness-Buch der Rekorde ist fast selber ein Rekord. Es wurde über 80.000.000 mal verkauft und in fast 40 Sprachen übersetzt. 

Heute möchte ich Dir von einem Mann erzählen, der ganz alleine mit einer Segelyacht um die Welt gefahren ist. Du meinst, der müßte jung und topfit gewesen sein. Sollte man meinen. Und topfit war er ganz bestimmt, der Engländer Francis Chichester – aber jung war er mit 65 Jahren eigentlich nicht. Oder?  

Das heißt, als er von der englischen Hafenstadt Plymouth lossegelte, da war er erst 64 und mitten auf dem Atlantik feierte er ganz alleine seinen 65. Geburtstag. Ja, er machte ganz alleine für sich eine Party. Zog sich dazu gute Klamotten an, so Jacket und Krawatte, und trank Champagner.  

Sein Schiff hatte Chichester übrigens Gipsy Moth IV getauft, was auf Deutsch Schwammspinner heißt und ein Schmetterling ist. Warum er sein Schiff so und nicht anders genannt hat? Weiß ich auch nicht. Der Name muß ihm besonders gut gefallen haben, denn zwei seiner früheren Schiffe und ein Flugzeug hatte Chichester genauso genannt. Nur mit einer anderen Zahl hinter dem Namen.  

Sein erstes Ziel war das Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze von Afrika. Das war schon früher bei den großen Segelschiffen gefürchtet. Und genau dem Weg dieser Segelschiffe wollte Chichester folgen. Mit nur einem Stop auf seiner Fahrt um die Welt. Das Kap schaffte Chichester ohne Schwierigkeiten, doch als er in den Indischen Ozean einfuhr, zerschlug ihm ein Sturm die automatische Steueranlage seines Schiffes. 

Diese Automatik war unheimlich wichtig, denn ohne sie hätte sich Chichester ja nie mal zum Schlafen und Ausruhen hinlegen können. Er dachte, damit sei seine Reise zu Ende. Also setzte er sich erst mal und trank einen heißen Brandy. Nach ein paar Tagen gelang es ihm, die Steueranlage so zu reparieren, daß er wenigstens bis nach Sydney in Australien weitersegeln konnte. 

In Sydney machte er eine Pause von zwei Monaten. Kaum hatte er Australien verlassen, da geriet er in einen Zyklon, so was wie ein Taifun, ein Hurrikan. Alles was nicht festgebunden war, flog durch das Schiff: Flaschen, Konservendosen, Teller, Tassen, Töpfe, Kisten, einfach alles. Ein Messer sauste haarscharf an Chichesters Kopf vorbei und blieb in einer Wand stecken.  

Es dauerte Tage, bis Chichester das Schiff einigermaßen aufgeräumt hatte. Und der schlimmste Teil der Fahrt stand ihm noch bevor: Kap Horn an der Südspitze von Südamerika. Und da brach auch schon ein furchtbarer Sturm los. Chichester mußte fast alle Segel einziehen, bis nur noch ein kleines Tuch übrig war, gerade so groß wie ein Badehandtuch. Er schaffte die Umrundung – nach vier Tagen ohne Essen und Schlaf. 

Der Rest der Fahrt in Richtung England war fast wie eine ruhige Urlaubsreise.   

Zwei Flugzeuge der englischen Luftwaffe entdeckten Chichester im Atlantik, als er nur noch 395 Meilen von seinem Ziel, der Hafenstadt Plymouth, entfernt war, von wo er ja auch losgesegelt war. 

Als er sie 3 Tage später erreichte, traute er seinen Augen nicht: 250.000 Menschen erwarteten ihn am Hafen und auf Booten; darunter waren jede Menge Reporter und Photographen. Ein paar ganz Schlaue kreisten sogar mit Hubschraubern und Flugzeugen über dem einsamen Segler auf seiner Yacht.    

„Was macht Ihr denn so ein Theater?“ rief Chichester den Leuten am Ufer zu, bevor er an Land ging. Er hatte es geschafft – nach 225 Tagen und 30.000 Meilen war er zu Hause.

Wieder war ein neuer Rekord aufgestellt. Warum? Ja, Robin, das ist eine gute Frage. Denk bitte daran, wie wir auf diese Geschichte gekommen sind: durch das verrückte Buch der Rekorde. Man muß wohl mehr als nur ein bißchen verrückt sein, um so eine Weltumseglung zu machen. 

Fast sind wir beide damit schon in eine neue Geschichte gesegelt – in eine Segeltour rund um die Welt, ohne ein einziges Mal anzuhalten.  

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

Hallo Robin ! 

Stell Dir einmal vor, Du findest ein Blatt Papier mit allerlei seltsamen Zeichen drauf. Einige sehen aus wie kleine Bilder, andere tja, andere sehen aus wie ... Könnten es vielleicht Buchstaben sein? Wahrscheinlich würdest Du zu gerne wissen, was die geheimnisvollen Zeichen bedeuten? Ist es ein Text oder ist es nur dummes Zeug? Wie kriegst Du das raus? 

Die Antwort auf diese Fragen ist einfach, doch sie wird Dich enttäuschen. Nichts findest Du heraus, gar nichts! Und das kann man ziemlich einfach testen. Man erfindet einfach eine geheime Schrift und gibt sie anderen zu lesen. Nichts werden sie lesen können, gar nichts. 

So ähnlich erging es zunächst auch den Forschern mit den Zeichen der Ägypter, mit den Hieroglyphen. Und davon hatten sie bei ihren Ausgrabungen jede Menge gefunden. Nur in einem da konnten die Forscher ziemlich sicher sein: Dummes Zeug, irgendein blödes Gekrackel würde es schon nicht sein, denn wer hätte diese tollen Pyramiden, ja ganze Städte gebaut, um sie dann mit dummem Zeug vollzukritzeln. In Stein gehauen. Also blieb eigentlich nur die zweite Möglichkeit: Es mußte eine Schrift sein, aber die war einfach nicht zu lesen.

Und noch heute –  nachdem die Zeichen der Ägypter seit langem kein Rätsel mehr sind – noch heute spricht man von Hieroglyphen, wenn jemand besonders saumäßig und unleserlich schreibt. Ja, sie wurde enträtselt die Schrift der Ägypter. Hast Du irgendeine Idee wie? 

Ach, Du meinst, vielleicht hätten die Forscher mit viel Glück geraten, was die einzelnen Zeichen bedeuten? Also Robin, das ist aber keine sehr schlaue Idee! Geraten?! Und wer hat den Forschern dann bitte schön erklärt, daß sie richtig geraten hatten? Da mußt Du Dir schon was besseres einfallen lassen, um die Schrift der Hieroglyphen zu knacken. Na, bist Du jetzt drauf gekommen?  

Ja, geknackt haben die Forscher die ägyptische Schrift, geknackt wie einen Geheimcode von

James Bond 007. Und wie knackt man einen geheimen Code? Mit einem Schlüssel! Nein, natürlich nicht mit einem Haustürschlüssel. Mit einem Schlüssel ist hier die Auflösung des Codes gemeint.

Jetzt würdest Du sicher gerne wissen, woher die Forscher den Schlüssel hatten, denn von den Äypter konnten sie ihn nicht haben. Die gibt es schon lange nicht mehr. Ich meine, die Ägypter gibt es nicht mehr, die mit Hieroglyphen geschrieben haben. Und die Ägypter von heute könnten die auch nicht lesen. 

Der Schlüssel zur Lösung des Rätsels ist ein schwarzer, polierter Stein, den 1799 ein Soldat des französischen Generals (und späteren Kaisers) Napoléon bei dem Ort Rosette am Nil gefunden hat. Dieser Stein wird als „Dreisprachenstein“ bezeichnet. Er trägt Inschriften in drei Sprachen und in drei Schriften: in Hieroglyphen, in Demotisch (eine Schrift, die sich im Volk aus der alten Hieroglyphenschrift entwickelt hatte) und in Griechisch. Die griechische Inschrift war leicht zu entziffern, denn Griechisch konnte man schon lange lesen.

Dem Franzosen Jean-François Champollion gelang im Jahr 1822 dann erstmals die Entschlüsselung der Hieroglyphen. Durch Vergleich der Texte kam Champollion auf die Idee, daß sie wohl alle drei den gleichen Inhalt haben. Aber es dauerte einige Jahre, bis weitere Fragen zu den Hieroglyphen beantwortet waren: 

1. Steht jedes Hieroglyphen-Zeichen für einen Buchstaben oder Laut, steht es für eine Silbe

    oder steht es vielleicht für ein ganzes Wort? 

2. Kann es sein, daß ein und derselbe Laut mit verschiedenen Zeichen geschrieben wurde?

    Die Wörter Club und Kuh, die wir vorne mit C bzw. mit K – also mit zwei verschiedenen

    Zeichen schreiben –  werden ja im Laut gleich gesprochen. 

3. Was bedeutet es, wenn ein Wort in einem Oval geschrieben ist?

Auf alle Fragen fand Champollion die richtige Antwort:

1. Die Hieroglyphen sind manchmal Zeichen für einzelne Laute, manchmal aber auch

   Zeichen für ein ganzes Wort.  (Einfacher machte das die Sache nicht gerade.) 

2. Ein Laut kann mit verschiedenen Zeichen geschrieben werden.

3. Namen von Personen stehen in einem Oval.

Im Juli 1828 machte sich Champollion auf den Weg nach Ägypten und versuchte erfolgreich die alten Texten auf den Papyrusrollen – ein Material, das unserem Papier den Namen gegeben hat auf Steintafeln und in Tempeln des Landes zu lesen. Die Hieroglyphen waren nun kein Geheimnis mehr. 

Du bist jetzt enttäuscht? Wieso? Hättest Du gerne die Schrift der Ägypter entschlüsselt? Da wüßte ich eine irre Aufgabe für Dich. Versuch die Schrift der Mayas, eines alten Indianervolkes in Südamerika zu knacken. Das ist nämlich immer noch nicht ganz gelungen, obwohl man heute Groß-Computer einsetzen kann, um den Code der Maya zu knacken. Es ist aber auch eine rätselhafte Schrift. Wenn sie Dich interessiert, zeige ich sie Dir an anderes Mal. 

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

 

Hallo Robin !

Heute habe ich in der Zeitung gelesen, daß ein 15jähriger Junge aus England einen neuen Rekord aufstellen will. Er will ganz alleine nach Amerika segeln! Habe ich es nicht gesagt: Irgendetwas Verrücktes findet sich schon, das noch keiner gemacht hat.  

Und auch wir bleiben noch ein bißchen bei der Seefahrt, wenn Du nichts dagegen hast. Und es ist eine eigenartige Sache, mit der wir uns heute beschäftigen. Außerdem bin ich sicher: Du kennst sie längst. Alle kennen sie eigentlich, die Geschichte vom Untergang der Titanic. Aber als vor 5 Jahren oder so mal wieder ein neuer Film darüber gemacht wurde – der fünfte, wenn ich mich nicht irre – da wurde dieser Film mit zig Oscars ausgezeichnet, und die Leute sind nur so in die Kinos geströmt. Um die Fahrt eines Schiffes zu sehen, von der jeder wußte, daß diese Fahrt an einem Eisberg und auf dem Meeresgrund endet. Außerdem ist die ganze Sache jetzt 90 Jahre her. Was ist interessant an einem alten Schiffsunglück, das übrigens längst nicht das größte in der Geschichte der Seefahrt gewesen ist? Wir müssen auf diese Frage später zurückkommen, denke ich. 

Die Titanic hat auch was mit Rekorden zu tun. Sie war das bis da größte je von Menschen gebaute Fahrzeug, mit um die 300 m Länge nicht viel kürzer als heute ein Flugzeugträger. Drei Fußballfelder lang, nur so als Hilfe zum Vorstellenkönnen. Diese irre Größe hat sicher auch mit zu ihrem Untergang geführt. Konnte man überhaupt mit so einem Riesendampfer umgehen? Bei einer Geschwindigkeit von 18 Knoten – das sind ungefähr 25 Stundenkilometer – dauerte es bei einer Vollbremsung 3 Minuten und 15 Sekunden oder über einen Kilometer bis das Schiff zum Stehen kam.  

Vor der Jungfernfahrt – der ersten richtigen Fahrt mit Passagieren – hatte man sich wenig Mühe mit einer kurzen Testfahrt gegeben. Die Matrosen haben nicht einmal geübt, wie die Rettungsbooten des Schiffes aufs Wasser heruntergelassen wurden. Und man hatte ihnen auch nicht gesagt, daß man wirklich ungefähr 60 Menschen in einem solchen Boot unterbringen konnte. Das hielten die Kräne der Rettungsboote schon aus. Ach so! Immer ist nach der Katastrophe die Rede davon gewesen, auf der Titanic hätte es zu wenige Rettungsboote gegeben. Stimmt. Aber eine Vorschrift gab es dafür nicht und verglichen mit der üblichen Anzahl auf anderen Schiffen damals war die Titanic eigentlich ganz gut mit Rettungsbooten ausgerüstet – aber – daß die Plätze in den Booten nicht einmal für die Hälfte der 2.224 Passagiere und Mannschaft reichten, ja, das stimmt eben auch.  

Schon beim Auslaufen aus dem englischen Hafen Southampton – von da aus sollte es nach New York gehen – schon beim Auslaufen gab es beinahe einen Zusammenstoß mit einem anderen Dampfer. Dabei war nicht etwa Freitag der 13. Seeleute sollen ja sehr abergläubisch sein. Es war Mittwoch, der 10. April 1912. Als ich davon las, mußte ich sofort an den Kapitän der Titanic denken. Ist man nicht gerade bei der Ausfahrt aus einem Hafen besonders vorsichtig? Und Kapitän Smith hatte mit einem anderen Schiff der White Star Reederei, mit der Olympic, schon einen echten Zusammenstoß gehabt. Man gab der Olympic zwar die Schuld an dem Unfall, aber bestraft wurde Kapitän Smith nicht. Es gibt einem zu denken, findest Du nicht?

Wenn ich jetzt kurz von meiner Großmutter erzähle, dann hat das natürlich auch mit der Titanic zu tun. Meine Oma war 1895 geboren. Sie war also 17, als die Titanic unterging und konnte sich gut daran erinnern. Von ihr habe ich wohl überhaupt zum ersten Mal von dieser Katastrophe gehört. Oma war eine fromme und gläubige Frau. Sie behauptete steif und fest, am Bug der Titanic sei ein großes Plakat mit folgender Aufschrift gewesen: „Selbst Christus kann uns nicht zum Sinken bringen!“ Darüber regte sie sich noch auf, als sie weit über 80 Jahre alt war. Erzählen tat sie die Titanic-Geschichte trotzdem gerne. Und jedes Mal regte sie sich wieder über das Plakat auf. „Gotteslästerung war das“, schimpfte sie dann, und der Untergang dieses Schiffes war für Großmutter wohl so eine Art Strafe dafür.

Oma hätte sich nicht aufregen müssen: Ein solches Plakat hat es nie gegeben, und nie ist behauptet worden, die Titanic sei ein unsinkbares Schiff. Die Reederei, die Gesellschaft, der die Titanic gehörte, hat das nie gesagt oder etwa Werbung damit gemacht. Werbung machte man mit der geilen Ausstattung und dem Service an Bord der Titanic. Das war Luxus! Kein anderes Wort paßt hier, und ich will gar nicht versuchen, diesen Luxus zu beschreiben. Die Titanic war ein schwimmendes 10-Sterne-Hotel. Jedenfalls für die Passagiere der 1. Klasse, und selbst in der 2. war man so untergebracht, wurde man so verpflegt und bedient wie auf anderen Schiffen nur in der 1. Klasse. Die 3. Klasse war was für arme Leute, die streng von den Reichen und Superreichen getrennt untergebracht waren. 

Woher hatte Oma bloß den Unsinn mit dem Spruch von der Unsinkbarkeit? Ich weiß es nicht. Es war aber mehr als ein Gerücht dieses Gerede von der unsinkbaren Titanic. Ja, sogar eine Fachzeitschrift für Schiffsbau hatte geschrieben, die Titanic sei praktisch unsinkbar. Wie man sich irren kann! Es hätte eigentlich heißen müssen: theoretisch unsinkbar, denn in der Praxis, also im wirklichen Leben, da ist die angeblich Unsinkbare ja gesunken und zwar ziemlich schnell gesunken. Trotz der 16 wasserdichten Abteilungen in die das Schiff mit 15 wasserdichten Türen eingeteilt werden konnte. Mehrere Abteilungen hätten voll Wasser laufen können bei einem Leck, einem Loch in der Schiffsaußenwand, aber als es dann eine Abteilung zuviel war, war es nichts mit der praktischen Unsinkbarkeit.                             

Als die “nur” 60.000 Tonnen Stahl der Titanic gegen den 300.000-Tonnen-Eisberg krachten, da stand der Verlierer fest. Stahl übrigens, der sehr leicht brach, statt sich einzubeulen, wie der Stahl, den man heute verwendet. 

Aber den langen Riß in der rechten Schiffswand, von dem Gerettete später berichteten, diesen Riß hat es nicht gegeben. Mehrere kleinere Öffnungen reichten, und über 30.000 Tonnen Wasser liefen in das Schiff und versenkten es schließlich. Da sieht man wieder mal, was von Zeugenaussagen zu halten ist. Wie hätte man den Riß auch sehen können von einem der Decks aus vielen Metern Höhe und dazu in stockdunkler Nacht?  

Eiswarnungen hatte die Titanic übrigens einige erhalten, aber Kapitän Smith ließ sein Schiff durch den nördlichen Atlantik rauschen, als gingen ihn diese Warnungen nichts an. Hat er die Warnungen gar nicht bekommen? Mal war der Kapitän bei einem Abendessen, dann war der Funker der Titanic mit Telegrammen der Passagiere beschäftigt. Oma behauptete, der Kapitän oder die Reederei habe das Blaue Band erringen wollen, eine Auszeichnung für die schnellste Atlantiküberquerung. Woher Oma das hatte? War wohl auch so ein Gerücht, denn auf Schnelligkeit war die Titanic nicht unbedingt gebaut. 

Es war 11.40 Uhr in der Nacht des 14. April 1912 als die beiden Matrosen vom Ausguck am vorderen Schiffsmast den Eisberg entdeckten. Ferngläser für diese Matrosen hatte der Luxusdampfer übrigens angeblich nicht. Und nun machte der gewarnte Erste Offizier Murdoch den vielleicht entscheidenden Fehler: Er befahl „Maschinen volle Kraft zurück“ und „Ruder hart backbord“ – also voll in die Bremse und links am Eisberg vorbei. Das Steuerruder eines Schiffes wirkt aber schwächer, je langsamer das Schiff fährt. So dauerte es viel zu lange, bevor die Titanic in die Linkskurve ging – die Folge ist bekannt. Ihre rechte Seite, die Steuerbordseite, schrammte den Eisberg. Eis rieselte aufs Deck, was ein paar Passagiere sehr praktisch fanden – als Kühlung für ihren Whisky. 

Wie es weiterging? Darüber reden wir beim nächsten Mal. OK? 

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

 

Hallo Robin ! 

Na, alles klar für Titanic Teil 2? Hast Du mal überlegt, wie unwahrscheinlich es eigentlich ist, daß ein Schiff in einem großen Ozean einen Eisberg rammt? Wenn man gut ist in Mathe, kann man das vielleicht sogar ausrechnen. Also – ich halte die Chancen selbst im Nordatlantik, wo es ja recht kalt ist – ich halte die Chancen für ziemlich klein. Aber – der Titanic ist es passiert. Über die Fehler, die zu diesem Unglück führten, haben wir schon im 1. Teil gesprochen. Du erinnerst Dich bestimmt. Und nicht zuletzt war es die irre Größe des Schiffes – wir wollten ja darauf zurückkommen. 

Nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg schickte Kapitän Smith den 4. Offizier los, um nachzusehen, welchen Schaden es an der Titanic gegeben habe. Was der Mann wirklich gemacht hat – er fand keinen Schaden und berichtete dies auf der Kommandobrücke. Dort gingen nur wenige Augenblicke später die ersten Meldungen ein: Wassereinbruch, starker Wassereinbruch im vorderen Teil des Schiffes. Jetzt entschloß sich Kapitän Smith, sein Schiff selber zu untersuchen. Ein seltsamer Kapitän, findest Du nicht auch? Wenn man ihn braucht, ist er nicht da, und wenn er da ist, tut er auch nicht unbedingt sofort das Richtige. Gute Kapitäne stelle ich mir anders vor. 

Nein, ich möchte den alten Smith nicht schlecht machen – immerhin hatte er in seinen Jahren als Kapitän viele, viele Seemeilen zurückgelegt – allerdings nicht immer ganz unfallfrei, wie wir beide wissen. Nach der Fahrt mit der Titanic wollte er in Rente gehen. Vielleicht hatte er keinen richtigen Spaß mehr an seinem Job auf dieser letzten Reise? Oder ein Vertreter der Schiffsgesellschaft, der mit an Bord war, saß ihm im Nacken und trieb ihn zur Eile an. Du weißt ja, was meine Oma über die schnellste Atlantiküberquerung vermutete. Lassen wir das jetzt und kümmern uns um das sinkende Schiff. 

Was allerdings nicht viel Sinn hat, denn nach seinem Rundgang wußte Kapitän Smith, daß die Titanic verloren war. Um 12.25 Uhr fingen die Matrosen an, die ersten Passagiere in die Rettungsboote zu bringen. Gut 20 Minuten hatten sie gebraucht, um die Rettungsboote klar zu machen. Schlechte Vorbereitung nenne ich das.  

Frauen und Kinder zuerst. Manche mußten echt gezwungen werden, denn sie hatten die Gefahr noch nicht erkannt, in der sie waren. Wollten lieber an Bord der Titanic bleiben, als in kleinen Booten auf das schwarze Meer heruntergelassen zu werden. Nicht einmal halbvoll waren die Boote, denn die Matrosen hatten Angst, die Kräne, an denen die Boote hingen, könnten das volle Gewicht eines Bootes mit 60 Menschen nicht tragen. Du erinnerst Dich daran aus dem 1. Teil.    

Die Funker sendeten inzwischen das alte Notsignal CQD, CQD ... und später auch das neue Zeichen SOS, das gerade erst eingeführt wurde. Dazu die Position, wo sich die Titanic befand. Diese Positionsmeldung mußte einmal leicht berichtigt werden.  

Etwa 5 bis 10 Meilen von der Unglücksstelle der Titanic lag der Dampfer Californian mit gestoppten Maschinen. Sein Kapitän wollte die Nacht abwarten, denn die Sache mit dem Treibeis war ihm nicht geheuer. 5 bis 10 Meilen – das muß man sich vorstellen. Nicht mal eine Stunde Fahrt wäre es für die Californian bis zur Titanic gewesen. Aber man hörte ihre Funksprüche nicht, weil der Funker der Californian schlief. Damals waren die Funkgeräte nicht rund um die Uhr besetzt, wie das heute auf Schiffen vorgeschrieben ist. 

Leuchtraketen hat man auf der Californian beobachtet – weiße Leuchtraketen. Und 8 weiße Leuchtraketen hat man auf der Titanic in den Himmel geschossen. Die Farbe für Gefahr ist aber rot, nicht weiß. So rätselte man auf der Californian herum, was für ein Schiff das wohl sei und blinkte stundenlang ziemlich sinnlos mit einer Signallampe. Die wiederum wurde auf der Titanic nicht gesehen – hieß es. Die Aussagen bei der späteren Untersuchung der Katastrophe – ich weiß ehrlich nicht, was ich davon halten soll.

Das Schiff, das sofort auf die Notrufe der Titanic antwortete, war die Carpathia, rund 60 Seemeilen von der Titanic entfernt. Rechnest Du bitte mal mit: 1 Seemeile sind ungefähr anderthalb Kilometer – 60 mal anderthalb sind 90. Bei einer Geschwindigkeit von, sagen wir, 20 Stundenkilometern würde die Carpathia über 4 Stunden brauchen, um die Titanic zu erreichen. Das wußte auch Kapitän Smith, und er wußte, daß seine Titanic dann längst gesunken sein würde.  

Der Kapitän der Carpathia fuhr mit voller Kraft gegen die Zeit durch ein Seegebiet, in dem er  ja ständig mit Eis rechnen mußte. 705 Menschen konnte die Carpathia später an der Stelle bergen, an der die Titanic 2 Stunden vorher untergegangen war. Danach beteiligten sich noch andere Schiffe, darunter auch die Californian, an der sinnlos gewordenen Suche nach Überlebenden.

Du hast nichts dagegen, daß ich noch einmal von meiner Großmutter berichte, die sich über die abgebliche Gotteslästerung am Bug der Titanic so aufregen konnte? „Als es mit dem Schiff zu Ende ging, da haben sie einen Choral (sie meinte ein Kirchenlied) gespielt,“ erzählte sie. „’Näher mein Gott zu Dir’.“ Und das klang, als sei Oma ein wenig schadenfroh.  

Noch so eine von Großmutters Geschichten? – Nicht ganz, denn diese stimmt sehr wahrscheinlich. Die Bordkapelle spielte wirklich fast bis zum Untergang der Titanic. Und als letztes Stück spielte sie wohl die englische Hymne (also ein Kirchenlied) ’Nearer My God To Thee’. Das hätte selbst Oma verstanden, die kein Englisch konnte. „Sag ich doch die ganze Zeit,“  hätte Großmutter gesagt: „’Näher mein Gott zu Dir’“ haben sie gespielt.“ 

Was aus Kapitän Smith geworden ist? Er ist untergegangen mit der Titanic, er und über 1.500 Menschen.  

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

 

Hallo Robin !

 Ein Hit ist das Lied, soviel ich weiß, nie geworden. Und was das Bild damit zu tun hat? – Ach so! Erst muß ich Dir ja mal erklären, worüber wir uns heute unterhalten wollen.  

Das Lied geht so: „Als die Römer frech geworden ...“ Kennst Du das? Nein? Macht nichts.  Aber wenigstens weißt Du nun schon mal, um was es geht. Richtig, es geht um die Römer. Um die alten Römer, wie man gerne sagt, wenn man die Römer von ganz früher meint. Als ob es bei den alten Römern damals nicht auch junge Römer gegeben hätte.  

Das Bild zu dem Lied ist so ziemlich der größte Quatsch, den ich je gesehen habe. Das Lied ist übrigens auch Quatsch. Und so passen beide gut zusammen – Bild und Lied. Aber ein bißchen Wahrheit steckt in beiden. Die Wahrheit heißt: die Schlacht im Teutoburger Wald. Manche sagen auch die Schlacht am Teutoburger Wald, was darauf hindeutet, daß man nicht genau weiß, wo diese Schlacht wirklich stattgefunden hat. Sicher ist aber wer gegen wen. Und wer gewonnen hat.  

Eines habe ich ganz vergessen zu fragen: Was weißt Du überhaupt von den Römern, den alten Römern, wie man eben so sagt? Keine Angst, ich will Dir jetzt keinen langen Vortrag über die ganze römische Geschichte halten. Das kann man auch kürzer machen: „Vom Dorf zum Weltreich“ – ja, das haben sie geschafft die Römer. Natürlich nicht in einer Woche – ein paar Hundert Jahre hat es schon gedauert, bis aus dem Dorf in Italien ein für die damalige Zeit riesiges Reich geworden war. Friedlich ist das oft nicht zugegangen, denn es gab immer irgendwo Menschen, die einfach nicht von den Römern regiert werden wollten. Was die Römer gar nicht verstehen konnten.

Die Nordwestgrenze des Römischen Reiches verlief so um das Jahr 0 herum ungefähr am Rhein. Das Jahr 0 hat es natürlich auf einem Kalender nie gegeben – stell Dir vor, jemand hätte gefragt: „Was für ein Jahr haben wir eigentlich?“ Und als Antwort hätte er bekommen: „0!“ Wir nehmen die Zahl nur, um die Jahre überhaupt zählen zu können. Also. Um das Jahr 0 herum hatten die Römer das Land nördlich der Alpen bis zum Rhein erobert.

„... zogen sie nach Deutschlands Norden.“ Womit wir wieder bei dem Lied wären. Deutschlands Norden? Deutschland gab es damals noch gar nicht. Germania sagten die Römer in ihrer Sprache, in Latein. Richtig ist, daß die Römer immer mal wieder Kriegszüge auch über den Rhein gemacht haben, obwohl ihnen die Gegend dort so besonders gar nicht gefiel.  

Dichte Wälder, ja, richtige Urwälder gab es damals hier, und das Wetter war auch nicht  besonders, vor allem nicht, wenn man das Wetter in Italien gewohnt war. 

Im Jahre 9 war mal wieder so ein Kriegszug fällig, und der ist gemeint in dem Lied: „Als die Römer frech geworden ... zogen sie nach Deutschlands Norden“. Glaubt man dem Bild, war der Weg in den Teutoburger Wald bestens ausgeschildert und die Entfernung sogar in Kilometern angegeben. Dummes Zeug!

Befehligt wurden die römischen Soldaten von dem Feldherrn Quintilius Varus – mit einer Blaskapelle vorne weg. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ist es auch bestimmt nicht. Irgendetwas ging bei der Sache schief und auf dem Rückweg ist sie dann passiert, die Schlacht – ja wo? Darüber sollen sich die Geschichtsforscher streiten. War es überhaupt eine große Schlacht, oder waren es tagelange Angriffe auf die abziehenden Römer, bis keiner mehr übrig war? Auch das ist bis heute nicht geklärt.  

Der Sieg der Germanen ist aber sicher und angeführt wurden die von dem Cherusker Arminius. Einem Germanen mit lateinischem Namen? Das ist so ungewöhnlich nicht. Die Römer nahmen Soldaten, woher sie konnten, und so hatte der Cherusker im römischen Heer Dienst getan. Und die Römer haben ihm den Namen Arminius verpaßt und ihn sogar zum römischen Bürger gemacht. Viel, viel später haben Leute, die keine Ahnung hatten, den Namen übersetzt, und da wurde aus Arminius der deutsche Name Hermann. Nur, daß man Namen gar nicht übersetzen darf. Johannes heißt Johannes – und wenn er nach Frankreich fährt, dann bleibt er Johannes und wird nicht plötzlich Jean. Was allerdings unserem Namen Johannes im Französischen in etwa entspricht. 

Nun dieser Arminius-Hermann, wie ich ihn jetzt mal nenne, der kannte sich also aus in der römischen Kriegskunst – wie man sagt. Obwohl ich nicht weiß, was Krieg eigentlich mit Kunst zu tun hat. Jedenfalls besiegte Arminius die drei römischen Legionen des Varus – alles in allem ungefähr 20.000 Mann. „Varus, Varus gib mir meine Legionen wieder!“ soll Kaiser Augustus in Rom gerufen haben, als er von der Niederlage erfuhr. Aber das ging ja nun nicht mehr, und obendrein hatte Varus Selbstmord begangen.  

Kaum waren die Römer weg – da stritten sich die Cherusker, Sueben, Langobarden, Markomannen und wie die germanischen Volksstämme so alle hießen, also da stritten die sich wieder untereinander und Arminius wurde schließlich von irgendwelchen Verwandten ermordet, weil er ihnen zu mächtig geworden war.  

Die würden sich ganz schön ärgern, wenn sie wüßten, daß vor gut 150 Jahren im Teutoburger Wald ein Denkmal für Arminius gebaut wurde. Und da steht er als 26 m hohe Figur auf einem 30 m hohen Sockel und droht mit einem 7 m langen Schwert. Um ihn herum wuseln jede Menge Touristen und staunen. Oder auch nicht. Und manche halten es sowieso für Kitsch und Mist.  

Was ich davon halte? Als Ziel eines Ausfluges ist das Hermanns-Denkmal ok. Mehr aber auch nicht.  

Ach ja, die Römer haben sich nach der Niederlage des Varus übrigens nicht mehr über den Rhein getraut. Sie haben diese Grenze später stark befestigt und sie Limes genannt. Und das heißt auf Deutsch Grenze. Was ein toller Name für eine Grenze ist. Oder? 

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

 

Hallo Robin ! 

Ganz wohl ist mir bei dieser Sache nicht, denn ich möchte Dir etwas ziemlich Gefährliches vorschlagen. Bist Du neugierig? Oder sagst Du gleich: „Gefährliche Sachen mache ich nicht?“ Na komm! Wie war das denn mit Apollo 13? Hör Dir meinen Vorschlag doch erst mal an. 

Was hältsts Du davon, wenn Du der erste wärst, der mit einem Flugzeug von New York nach Paris fliegt? Ja, ich weiß, das hat schon jemand gemacht. Wir wollen doch auch nur so tun als ob. Also: Machst Du mit? – Wir tun so, als wärst Du Charles Augustus Lingbergh, der amerikanische Pilot, der 1927 diesen Flug gewagt und geschafft hat. Alles klar? – Eine echte Hilfe kann ich Dir dabei nicht sein, denn vom Fliegen habe ich keine Ahnung.

Du bist dagegen ein zwar junger aber erfahrener Pilot, der schon Postflugzeuge in jedem Sauwetter geflogen hat. Nur war es schwierig, eine Firma zu finden, die Dir eine Maschine für den Atlkantikflug verkaufen wollte. Die meisten bekannten Flugzeugbauer haben abgelehnt. Denn wenn der Flug über den Atlantik im Wasser endet, ist’s schlechte Reklame für die, die das Flugzeug gebaut haben.  

Die Maschine, die Du schließlich kaufen kannst, ist ziemlich klein und hat auf Deinen Wunsch nur einen Motor – ein riskanter, ein gefährlicher Plan, denn Du mußt das Ding alleine fliegen. Ein Copilot paßt da gar nicht rein. Allerdings ist ein Geldpreis von $ 25.000 ausgesetzt für den, der die rund 3.500 Meilen lange Strecke schafft. Mit Deiner Spirit of St. Louis willst Du den Preis gewinnen. Ein komischer Name für ein Flugzeug. 

20. Mai 1927, morgens gegen 8 Uhr. Oh je! Was für einen Platz hast Du denn für den Start ausgesucht? Roosevelt Field. Der reinste Acker! Wird schon schiefgehen. Also. Motor anlassen. Langsam anrollen. Aufpassen! Mensch, paß doch auf! Voll durch die Pfützen auf der Startbahn! Wie das Flugzeug durch die Matsche hopst! Was macht denn ein Traktor auf der Bahn? Hoch! Hochziehen die Mühle! Vorsicht, die Telefonleitungen da vorne! Zieh die Maschine hoch! Hoch! Höher! Mann, das war knapp!  

Aber nun bist Du in der Luft! Jetzt im großen Bogen nach links. Kurs Nordost. Immer der amerikanischen Küste entlang. Ja, so ist’s gut. Über die Insel Nova Scotia, dann nach Neufundland.  

Kurs West. Hinaus auf den offenen Atlantik. Ob Dir der Kompass da eine große Hilfe sein wird? Unter Dir Wasser, nicht als Wasser.  

Der Motor brummt gleichmäßig. Keine Probleme bis jetzt. Noch keine Probleme. Da, da unten! Eisberge. Aber es wird immer dunkler und Nebel kommt auf. Zuerst direkt über der Wasseroberfläche, dann steigt er höher und höher der Nebel. Steigt bis auf 10.000 Fuß. Nur ein paar Sterne blinken direkt über Dir. Wolken türmen sich auf. Nicht, nein, nicht durch die Wolken fliegen! 

Aber natürlich, Du hörst nicht auf mich. Mußtest ja unbedingt mitten durch. Hey, was ist das? Warum gehst Du denn tiefer? Hey, was soll der Quatsch! Oh, Mist! Eis hat sich auf die Tragflächen gelegt. Eis von der feuchten Luft in den Wolken. Ich habe es Dir ja gleich gesagt. Nicht durch die Wolken fliegen! 

Runter! Tiefer! Du mußt versuchen, in trockene, in klare Luft zu kommen. Ja, gut! So ist es gut! Flieg ein paar scharfe Kurven! Schüttel das Eis ab!  

Stunde um Stunde vergeht!  

Wie Du hast Hunger? Mit den 4 Butterbroten wirst Du nicht weit kommen. Aber Du hast ja gemeint, mit knurrendem Magen bleibst Du leichter wach. 

Und außerdem mußt Du Dich voll konzentrieren, denn Du kannst über weite Strecken nur 10 Fuß hoch über den Wellen fliegen, damit Dir das mit dem Eis nicht noch einmal passiert. Jeder Wolke weichst Du nun aus und fliegst um die Nebelbänke herum.  

Nach endlos scheinenden Stunden. Da! Da unten! Boote! Da unten sind Boote! Fischerboote! Die trauen sich nicht zu weit aufs Meer hinaus. Land! Irgendwo da unten ist Land! Und weit entfernt kann es nicht mehr sein.  

Du drückst die Maschine tiefer. Hältsts direkt auf das erste Boot zu. Zu sehen ist niemand. In weitem Bogen fliegst Du über das zweite Schiff. Ja, da! Aus einem der Kabinenfenster schaut ein Mann heraus. Du nimmst Gas weg, machst den Motor leiser und rufst: „Wo geht es hier nach Irland?“

Der Mann ist viel zu erstaunt, um Dir eine Antwort zu geben – vielleicht hat er Dich aber auch gar nicht verstanden.

Knapp 60 Minuten später taucht im Nordosten eine bergige Küste aus dem Nebel auf. Irland? Ja, das muß, das kann nur Irland sein. Du erkennst Kap Valencia und die Bucht von Dingle. Der Kurs stimmt.  

Und nun geht es Richtung Paris. 

Auf der ganzen Welt verfolgen Menschen Deinen Flug an den Radios: „Robin über Irland!“ Du hast es fast geschafft! Immer diesem Fluß, immer der Seine entlang, Kurs auf die französische Hauptstadt. 

Flugfeld Le Bourget bei Paris. Über 100.000 begeisterte Menschen sind gekommen, um Dich zu begrüßen, um Dich zu feiern. Landung! 23.22 Uhr! Weniger als 34 Stunden nach dem holprigen Start in New York kommt Deine Spirit of St. Louis zum Stehen. Die Menschen sind nun nicht mehr zu halten! Sie durchbrechen die Absperrungen, umdrängen Deine kleine Maschine. Du kletterst ins Freie. Polizisten nehmen Dich auf die Schultern. Tragen Dich durch die jubelnden Menschen!  

Ja, nun bist Du ein Held! Du bist der „einsame Adler“. Du hast es geschafft. Den Atlantik besiegt! Glückwunsch! Gut gemacht, Robin! Charles Augustus Lindbergh wäre stolz auf Dich! 

Herzliche Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus

Hallo Robin! 

„Hättest Du Lust auf Teil 2? Ist aber ein wenig traurig die Fortsetzung der Geschichte.“ So endete die 15. der Geschichten aus der Geschichte, die von Lindberghs Atlantikflug. 

Wie traurig die wirkliche Fortsetzung sein würde, konnte ich nicht ahnen, als ich sie schrieb. Geschichte 16 wird es nicht geben, nie geben. Wer würde sie auch lesen oder hören wollen, denn Robin ist tot! 

Ich habe den kleinen tapferen Kerl nie kennengelernt, aber bei jeder Geschichte mir vorgestellt, er säße hier bei mir oder ich bei ihm und wir erlebten gemeinsam, was sich in den Geschichten so zugetragen hat. Da wurde das Schreiben ganz einfach zum Gespräch.  

Mir fehlen sie die kleinen Geschichten für Robin. Und Robin fehlt so vielen, die ihn gekannt und lieb gehabt haben.

Herzliche letzte Grüße

Dein

Joachim Morlinghaus                                                                                              August 2002

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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